Wissen über Bipolare Störungen

Wie wird die Diagnose gestellt?

Die Diagnose ergibt sich aus den aktuellen psychischen Beschwerden und Verhaltensänderungen, die Betroffene beschreiben. Schon in dieser Phase hat es sich als hilfreich erwiesen, mit ihrer Zustimmung Angehörige oder Freunde mit einzubeziehen. Durch diese zusätzliche Information kann der bisherige Verlauf besser abgeschätzt werden, sowie auch Stimmungsschwankungen, die ihnen selbst vielleicht als „normal“ erscheinen, jedoch der Umwelt auffallen. Dies ist wichtig, denn oft unterscheiden sich erlebtes und beobachtetes Verhalten voneinander.

Ihr Therapeut kann mit Ihnen den Krankheitsverlauf mit Hilfe eines sog. „life charts“ aufzeichnen. Hier werden die Stimmungsschwankungen in Verbindung mit besonderen Lebensereignissen, Medikamentenwechsel usw. (auf Papier oder im PC) eingetragen. Dies lässt wichtige Rückschlüsse auf die richtige Diagnose, Behandlung, Prognose usw. zu.

Eine körperliche Untersuchung (Blutanalyse, Computertomographie etc.) wird integriert, um eine organische Ursache wie etwa eine Fehlfunktion der Schilddrüse auszuschließen. Die Diagnose einer bipolaren Erkrankung ist eine „klinische Diagnose“, d. h., es existiert kein Laborwert, der Auskunft über das (fehlende) Vorhandensein der Erkrankung geben könnte.

Die Diagnose wird dann anhand von sog. Diagnostischen Kriterien gestellt. In Deutschland wird die „Internationale Klassifikation psychischer Störungen“ in ihrer zehnten Version (ICD-10) verwendet. Die folgende Tabelle gibt Ihnen einen Überblick, anhand welcher Kriterien die einzelnen Phasen diagnostiziert werden.
Leider wird die Diagnose einer bipolaren Erkrankung heute immer noch viel zu spät gestellt. Das bedeutet auch, dass eine wirkungsvolle Behandlung erst verspätet einsetzen kann. Durchschnittlich vergehen heute zehn Jahre zwischen dem Auftreten der ersten Krankheitsepisode und der richtigen Diagnose. Man schätzt, dass die Hälfte der Betroffenen sogar überhaupt niemals aufgrund einer korrekten Diagnose behandelt wird.

Diagnostische Kriterien nach ICD-10 oder DSM-IV

Episodentyp: Manische Episode
A. Eine ausgeprägte Periode abnormer und ständiger gehobener, überschwänglicher oder gereizter Stimmung, die über eine Woche dauert.

B. Während der Periode der Stimmungsstörung halten drei (oder mehr) der folgenden Symptome bis zu einem bedeutsamen Grad beharrlich an:

  • Übertriebene Selbstachtung oder Großartigkeit
  • Abnehmendes Bedürfnis nach Schlaf (z. B. fühlt sich der Betroffene erholt nach nur drei Stunden Schlaf)
  • Gesprächiger als üblich oder Druck, zu reden
  • Ideenflucht oder subjektive Erfahrung, dass die Gedanken rasen
  • Zerstreutheit (Aufmerksamkeit wird leicht auf unwichtige oder belanglose externe Reizen gezogen)
  • Zunahme zielgerichteter Aktivitäten (entweder sozial, bei der Arbeit, in der Schule oder sexuell oder psychomotorische Unruhe
  • Exzessive Vergnügungen, die ein hohes Potenzial an unangenehmen Konsequenzen haben (z. B. ungehemmter Kaufrausch, sexuelle Taktlosigkeiten oder leichtsinnige geschäftliche Investitionen)

C. Die Symptome treffen nicht zusammen mit den Kriterien einer gemischten Episode.

D. Die Stimmungsstörung ist hinlänglich schwer, um eine ausgeprägte Beeinträchtigung in beruflichen Aufgabengebieten oder unübliche soziale Aktivitäten oder Beziehungen mit anderen zu bewirken oder einen Krankenhausaufenthalt zu erfordern. Damit soll verhindert werden, das der Betroffene sich selbst oder andere schädigt.

E. Die Symptome sind nicht durch direkte physiologische Effekte einer Substanz (z. B. Drogenmissbrauch, Medikamente oder andere Behandlungen) oder eine generelle medizinische Verfassung (z. B. Überfunktion der Schilddrüse) verursacht.

Episodentyp: Hypomane Episode

A. Eine ausgeprägte Periode ständig gehobener, überschwänglicher oder gereizter Stimmung, durchaus vier Tage dauernd, die eindeutig verschieden von der üblichen nichtdepressiven Stimmung ist.

B. Während der Phase der Stimmungsstörung sind drei (oder mehr) der folgenden Symptome (vier, wenn die Stimmung nur gereizt ist) bis zu einem gewissen Grad ständig vorhanden:

  • Überhöhtes Selbstwertgefühl oder Größenwahn
  • Vermindertes Schlafbedürfnis (z. B. fühlt sich der Betroffene erholt nach drei Stunden Schlaf)
  • Gesprächiger als üblich oder Rededrang
  • Ideenflucht oder subjektive Erfahrung des Gedankenrasens
  • Zerstreutheit (das bedeutet Aufmerksamkeit auf unwichtige oder unerhebliche externe Reize)
  • Zunahme zielgerichteter Aktivitäten (entweder sozial, beruflich oder in der Schule; sexuelle oder psychomotorische Unruhe)
  • Übertriebenes Engagement bei Vergnügungen, die in einem hohen Maße unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen (z. B. hemmungsloser Kaufrausch, sexuelle Indiskretionen oder leichtsinnige geschäftliche Investitionen)

C. Die Episode wird begleitet von einem eindeutigen Wechsel der Wirkungsweise, die für die Person uncharakteristisch ist, solange sie ohne Symptome ist.

D. Die Stimmungsstörung und der Wechsel des Auftretens werden durch andere beobachtet.

E. Die Episode ist nicht schwer genug, um eine ausgeprägte Beeinträchtigung in sozialen oder beruflichen Aufgabenbereichen zu verursachen oder einen Krankenhausaufenthalt zu erfordern und es gibt keine psychotischen Merkmale.

F. Die Symptome sind nicht durch direkte physiologische Effekte einer Substanz (z. B. Drogenmissbrauch, Medikamente oder andere Behandlungen) oder eine generelle medizinische Verfassung (z. B. Überfunktion der Schilddrüse) verursacht.

Episodentyp: Depressive Episode

A. Fünf (oder mehr) der folgenden Symptome sind während derselben zwei-Wochen-Periode vorhanden und bedeuten einen Wechsel von früheren Tätigkeiten.

  • Depressive Stimmung fast den ganzen Tag über, beinahe jeden Tag, angezeigt entweder durch subjektiven Bericht (fühlt sich z. B. traurig oder leer) oder durch Beobachtung anderer (erscheint z. B. weinerlich). Anmerkung: Bei Kindern und Heranwachsenden kann eine gereizte Stimmung vorliegen.
  • Deutlich vermindertes Interesse oder Freude bei allen oder beinahe allen Aktivitäten fast den ganzen Tag, beinahe jeden Tag (angezeigt entweder durch eigenen Bericht oder Beobachtungen anderer)
  • Erheblicher Gewichtsverlust ohne Diät oder Gewichtszunahme (z. B. eine Veränderung des Körpergewichts um mehr als 5 % in einem Monat) oder Ab- oder Zunahme des Appetits beinahe jeden Tag
  • Schlaflosigkeit oder übersteigertes Schlafbedürfnis beinahe jeden Tag
  • Psychomotorische Unruhe oder Verlangsamung fast jeden Tag (beobachtet durch andere, nicht nur subjektive Gefühle der Ruhelosigkeit oder der Erschöpfung)
  • Erschöpfung oder Verlust der Energie beinahe jeden Tag
  • Gefühle der Wertlosigkeit oder der ausgeprägten oder unangemessenen Schuld (die auf einer Selbsttäuschung beruhen mag) beinahe jeden Tag (nicht nur Selbstvorwurf oder Schuld daran, krank zu sein)
  • Verminderte Fähigkeit, zu denken oder sich zu konzentrieren, oder Unentschlossenheit beinahe jeden Tag (entweder durch subjektiven Bericht oder Beobachtung anderer)
  • Wiederkehrende Todesgedanken (nicht angemessene Furcht zu sterben), wiederkehrende Suizidgedanken ohne spezifischen Plan, oder ein Suizidversuch oder ein präziser Plan zum Suizid

B. Die Symptome treffen nicht mit den Kriterien für eine gemischte Phase zusammen.

C. Die Symptome verursachen klinisch bedeutsame Schmerzen oder eine Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Aufgabengebieten.

D. Die Symptome beruhen nicht auf einem direkten physiologischen Effekt einer Substanz (z. B. einem Drogenmissbrauch, einer Medikation) oder einer generellen medizinischen Verfassung (z. B. Überfunktion der Schilddrüse).

E. Die Symptome werden hervorgerufen durch Trauerfälle, z. B. dem Verlust einer geliebten Person. Die Symptome dauern länger als zwei Monate oder sind durch eine ausgeprägte funktionale Beeinträchtigung gekennzeichnet; krankhafte Beschäftigung mit Wertlosigkeit, Suizidgedanken, psychotischen Symptomen oder psychomotorischer Verlangsamung.

 

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