Wissen über Bipolare Störungen

Was sind Ursachen und Hintergründe?

In jedem Menschen liegt prinzipiell die Anlage, an einer Bipolaren Störung zu erkranken. Weshalb genau der Einzelne erkrankt, ist bisher noch unklar. Man geht von verschiedenen Ursachen aus, die oft in der jeweiligen Kombination ihre Wirkung entfalten und zum Entstehen der Erkrankung beitragen können. Die wichtigsten vermuteten Ursachen hier im Überblick.

1. Genetische Ursachen

bildDie Bipolare Störung ist keine Erbkrankheit im klassischen Sinne, wenngleich auch eine starke genetische Komponente vorhanden ist. Nicht ein einzelnes Gen ist die Ursache, sondern mehrere Gene, die zum Beispiel für die Regulation von Botenstoffen im Gehirn (sog. Neurotransmitter) zuständig sind. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Bipolaren Störung erkrankt zu sein, ist für Verwandte ersten Grades (also Bruder, Schwester etc.) von bipolaren Patienten um das etwa siebenfache gegenüber der Allgemeinbevölkerung erhöht. Erziehungsstile oder traumatische Lebensereignisse können jedoch auch beteiligt sein. Ein erhöhtes Risiko für bipolare Erkrankungen konnte auch in Adoptionsstudien nachgewiesen werden. Wurden eineiige Zwillinge untersucht, die folglich die gleichen Erbanlagen haben, und hatte der eine Zwilling eine bipolare Erkrankung, so hatte der andere dies in 60% bis 80% der Fälle auch. Umgekehrt ließe sich sagen, dass 40% der Zwillinge trotz gleicher Erbanlage gesund oder nicht bipolar waren. Es spielen also offenbar viele andere Faktoren eine Rolle. Außerdem ist zu bedenken, dass auch die Gene nicht „deterministisch“ (= einseitig bestimmend) wirken, sondern z. B. durch Belastungsfaktoren „geweckt“ werden können. Umwelt- und Erbfaktoren stehen also in Wechselwirkung.

2. Neurotransmitterveränderungen und Nervenzellveränderungen

Neurotransmitter sind die Botenstoffe im Gehirn, die zwischen den einzelnen Nervenzellen Informationen weitergeben. Vereinfacht ausgedrückt, sind hauptsächlich die Botenstoffe Noradrenalin, Serotonin und Dopamin betroffen. Bei Depressionen wird (grob gesagt) eine verminderte Konzentration, bei Manien eine erhöhte Konzentration dieser Neurotransmitter vermutet. Viele Medikamente setzen mit ihrem Wirkmechanismus an diesem Modell an. In der Nervenzelle werden verschiedenartige Abläufe von den Neurotransmittern in Gang gesetzt, die wiederum in ihrer Abfolge gestört sein können. Es wird vermutet, dass jede Krankheitsphase in den Nervenzellstrukturen gewisse „Wege bahnt“, die das Auftreten erneuter Episoden begünstigen. Dementsprechend kommt der Verhinderung erneuter Phasen eine wichtige Bedeutung bei der Behandlung der Bipolaren Störung zu. Insgesamt sind jedoch komplexe Vorgänge für die Entstehung der einzelnen Episoden mit ihrer unterschiedlichen Ausprägung verantwortlich. Sie können sich das Zusammenspiel dieser Vorgänge wie ein Mobile aus Tausenden von Einzelteilen vorstellen – nimmt man eine Änderung an einem der Teile vor, so bewegen und verändern sich die anderen Teile. Hieraus wird ersichtlich, dass eine Therapie manchmal viele Versuche durchläuft, bis eine wirkungsvolle Behandlung gefunden ist.

3. Stress und besondere Lebensereignisse

Stress kann sehr unterschiedlich aussehen. Was für den einen Menschen positiv erscheint, wie ein anstehender Geburtstag, kann von einem anderen aufgrund der erforderten Anpassungsfähigkeit oder dem Gefühl der Überforderung als „stressig“ empfunden werden. Schichtarbeit, Trennungen, familiäre oder finanzielle Sorgen etc. können im Zusammenspiel mit einer individuell bestimmten Verletzlichkeit den Ausbruch einer Erkrankung begünstigen. Andauernder Stress wiederum kann die Entstehung erneuter Krankheitsepisoden fördern.

Viele Betroffene berichten, dass bei längerer Erkrankungsdauer die Episoden oft durch Stress ausgelöst werden, der in früheren Zeiten als unbedeutend empfunden wurde, die Erkrankung also in ihrem Verlauf eine gewisse Eigendynamik entwickelt hat.

Schlafmangel und ein unregelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus können ebenfalls die Entstehung erneuter Episoden begünstigen, ebenso Alkohol- und Drogenkonsum.

4. Vulnerabilitäts-Stress-Modell und das Modell der „biologischen Narbe“

Jeder Mensch besitzt eine unterschiedliche Vulnerabilität oder Anfälligkeit an einer psychischen Störung zu erkranken. Diese Anfälligkeit besteht jedem, ist aber erhöht, wenn verschiedene Vulnerabilitätsfaktoren zusammenkommen. Die erhöhte Anfälligkeit kann durch sehr verschiedene Faktoren bedingt sein, z. B. durch eine genetische Belastung, Temperamentsfaktoren, traumatische Lebensereignisse etc. Stressige Lebensabschnitte sind z. B. Pubertät, Schulabschluss, Heirat, Verlust eines nahestehenden Menschen, Schwangerschaft oder kritische Lebensereignisse. Wenn diese Belastungen mit einer Vulnerabilität und nicht ausreichenden Bewältigungsmöglichkeiten zusammenfallen, kann bei entsprechender Neigung eine manische oder depressive Episode entstehen.

Das Modell der „biologischen Narbe“ besagt, dass emotionale Belastungen bestimmte neuronale Verbindungen bahnen und andere vernachlässigen. In diesem Zusammenhang spielen frühere Erfahrungen mit Stress eine große Rolle. Stress in späteren Lebensjahren wird unter Umständen aufgrund von früher erlebtem Stress sensibler wahrgenommen als zuvor und die Spur wird tiefer. Einschneidende Lebenserfahrungen können also „biologische Narben“ und eine erhöhte Verletzbarkeit hinterlassen. Der Hirnstoffwechsel wird so beeinflusst, dass er auf spätere Ereignisse sensibler als gewöhnlich reagiert. Die eigene Psyche wird empfindlicher für Stressereignisse.

Vulnerbilitäts-Stress-Modell

a) Mensch mit geringer Vulnerabilität wird erst bei hoher Stressintensität krank
b) Mensch mit hoher Vulnerabilität wird schon bei niedrigem Stressniveau krank
c) Bei gleicher Vulnerabilität kann der Mensch bei höherem protektivem Niveau eine höhere Stressintensität verkraften, ohne zu erkranken

5. Anthropologische Erklärungsmodelle

Zu einem umfassenden Verständnis der Bipolaren Störungen genügt es nicht, alleine auf biologisch-genetische Erklärungsmodelle zurückzugreifen, sondern man muss den Menschen in seiner Verschiedenheit sehen und die Erkrankung iin diesem Zusammenhang zu verstehen.

Oftmals haben depressive Menschen die herrschenden sozialen Normen tief verinnerlicht. In Manien werden diese Normen manchmal in provozierender Weise infrage gestellt, meist jedoch, ohne dass sie wirklich aufgegeben werden.

Zu den Gemeinsamkeiten beider Phasen gehören veränderte Zeitwahrnehmung, Gefühle der Leere und Sinnlosigkeit. Beide Phasen können sich in einer Art Wellenbewegung gegenseitig bedingen und verstärken: Wer eine Manie voll auskostet, kann sich in eine so umfassende Erschöpfung bringen, dass die Depression wie von selbst nachfolgt. Und eine Depression kann so tief empfunden werden, dass als Weg nach draußen nur die Flucht in die Manie bleibt.

Depressionen und Manien können auch als Ausdruck eines unzureichenden Selbstwertgefühls verstanden werden. Die Empfindsamkeit für Kränkungen kann durch Vorerfahrungen erhöht sein. Die Depression führt in einen Teufelskreis von Selbstentwertung. Aber auch im Hochgefühl der Manie wird das Selbstwertgefühl nicht wirklich genährt, die Abwertung geschieht verzögert und wird vermittelt durch die negativen Reaktionen der Umgebung und die unvermeidliche körperliche Erschöpfung.

Beide Zustände, Manie und Depression, bedeuten nicht nur Störung, sondern zugleich auch – vorübergehend und unzureichend – eine Stabilisierung des inneren emotionalen Gleichgewichts. Die Manie entlastet, indem sie Angst abwehren hilft. Die tiefe Depression schützt, indem sie Verzweiflung binden kann und der Umsetzung von Suizidabsichten eine innere Lähmung entgegensetzt.

 

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