Verständnis von Psychosen

Wie erleben Betroffene depressive oder manische Phasen?

bildAuch bei Bipolaren Stimmungsschwankungen (Depression oder Manie) vermitteln Sprachbilder von Erfahrenen gut die Vielfalt des Erlebens.

Eine Depression bedeutet für mich...

  • „das Einfrieren des Herzens zu einem Klumpen Eis.“
  • „die Versteinerung der Seele.“
  • „Landschaften des eigenen Selbst durchwandern zu müssen, die abgebrannt, tot, niedergetrampelt oder einfach nur leer sind.“
  • „..., dass die Seele ein See ist, auf dem Seerosen blühen und auf dessen Grund eine Bombe liegt. Dann ist Depression, wenn die Bombe aufsteigt, explodiert und die Seerosen zerfetzt. Das heißt nicht, dass in diesem See nie wieder Seerosen blühen.“
  • „wie rohes Fleisch sehr empfindlich zu sein; dann, wenn es gar nicht mehr auszuhalten ist, gibt es einen plötzlichen Übergang. Ich habe dann unglaubliche Energie, als wenn ich verliebt wäre. Die Manie bedeutet eine Linderung der Depression. Es ist schon erstaunlich, wie der Körper eine eigene chemische Fabrik in Gang setzt, um aus der Depression herauszukommen."

 

bild Eine Manie bedeutet für mich...

  • „plötzlich ein leichtes Gefühl zu haben wie ein Überflieger. Alle Skrupel verlassen mich. Ich beginne dann, andere zu provozieren. Diese Haltung kann sich auch verselbstständigen und die Provokation zu einem Selbstgänger werden. Ich bin dann immer auf der Suche nach Grenzen."
  • „..., dass die Depression in unheimliche Energie umkippt und dann bei Erschöpfung wieder zurückkippt.“
  • „bewusst Normen zu verletzen, die ich als allgemeine Normen gesehen habe. Aber ich habe nie etwas getan, was strafrechtlich verfolgt wird oder was andere Menschen in ihrer Würde verletzt. Eine eigene innere Grenze war mir immer bewusst und die habe ich eingehalten.”
  • „..., dass traurige Erlebnisse auf mich zukommen. Ich spüre inzwischen richtig, wie es Klick macht. Mein Organismus setzt die Manie in Gang, damit ich über bestimmte Erlebnisse hinwegkomme. Das geschieht innerhalb weniger Stunden. Die Depression kommt erst viel später."

Frau Kunsts Geschichte

Frau Kunst leidet unter einer häufig rezidivierenden Bipolaren Störung. In ihrer dicken Krankenakte ist die Rede von einer „jahreszeitlich fixierten, biologisch bedingten Manie“. Seit einem halben Jahr nimmt sie an einer speziellen therapeutischen Gruppe teil. Alle Mitglieder haben mindestens eine Manie und eine Depression erlebt. Die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Phasen soll der sehr quälenden krankheitstypischen Zeitwahrnehmungsstörung (Gefühl ewiger Verdammnis in der Depression und der Zeitlosigkeit in der Manie) entgegenwirken. Das Beispiel von Frau Kunst soll das Geschehen in der Gruppe veranschaulichen. Anschließend werden die Prinzipien der Arbeit begründet.

Bisher ist Frau Kunst regelhaft jährlich im Juni erkrankt. Es ist April. Die Gruppe interessiert sich, ob „sie schon etwas spürt.“ – „Nein.“ – „Was passiert denn sonst noch im Juni, außer der Manie?“ – „Na ja, ich habe Geburtstag, aber das war schon immer so, auch vor der Manie.“ – „Und wie feierst Du Deinen Geburtstag?“ – „Wie jeder andere auch. Ich lade meiner Freunde und meine Familie ein.“

Frau Kunst ist verheiratet, hat zwei Kinder von sieben und neun Jahren. Die Eltern aus Süddeutschland kommen regelmäßig zu den Feiertagen, auch um die Enkelkinder zu sehen. Für Frau Kunst ist das alles selbstverständlich. In der Gruppe gibt es Nachfragen:

„Wie kann das denn gehen, gleichzeitig mit Freunden und Familie zu feiern?“ – „Kein Problem.“ – „Und wie schaffst Du die Vorbereitung?“ – „Meine Mutter hilft mir.“ Die Gruppe fragt nach. Es stellt sich heraus, dass die Eltern extra früher kommen, um bei der Vorbereitung zu helfen. Die Mutter bringt viel Elan mit, hat genaue Vorstellungen, wie so eine Feier ablaufen sollte. Die Tochter ist erst dankbar, fühlt sich dann aber übergangen. Sie beginnt sich gegen die Vorgaben zu wehren, will selbst bestimmen. Dafür muss sie aus Defensive und Depression herauskommen und Kräftereserven mobilisieren. Frau Kunst entwickelt immer extravagantere Vorstellungen und immer mehr Energien, diese zu realisieren. Sie „spielt die Mutter locker gegen die Wand.“ Diese steckt zurück, doch ihre Tochter ist nicht mehr zu halten. Das Fest soll großartig werden. Doch Frau Kunst verausgabt sich zu sehr. Die Flucht nach vorn hat sie mitgerissen. Am Ende gibt es beschämende Auftritte, schockierte Gäste, bittere Vorwürfe. Die Realität der Manie hat Frau Kunst eingeholt. Pünktlich im Juni. Die Erkrankung besänftigt die Gemüter. Die Eltern fühlen mit, sorgen sich um die Enkel und versprechen, im nächsten Juni noch etwas früher zu kommen, damit das Fest dann besser gelingt.

Eine tragikomische Geschichte? Eher bittere Realität mit viel Verzweiflung. Die Gruppe ist beeindruckt, rät dringend, die Eltern diesmal später einzuladen. Frau Kunst winkt ab. Das gehe auf keinen Fall, den Konflikt würde sie nicht durchstehen, dann höchstens eben schon im Mai manisch werden. Einige Gruppenmitglieder geben nicht nach. Zum Glück zieht der Ehemann mit. Das Telefonat mit der Mutter wird im Rollenspiel geübt. Frau Kunst setzt das Geübte um: Die Eltern sind wie erwartet tief beleidigt, fügen sich aber in ihr Schicksal. – Das Fest verläuft unspektakulär. Die Eltern kommen 14 Tage später. Im Nachhinein sind sie zufrieden; es bleibe so viel mehr Zeit mit den Enkeln. Frau Kunst wird nicht manisch, nicht vor, während und nach dem Fest, das ganze Jahr nicht.

(Quelle: T. Bock, A. Koesler, Bipolare Störungen, Psychatrieverlag)

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