Verständnis von Psychosen

Wie erleben Betroffene psychotische Phasen?

bild„Psychose“ ist ein Oberbegriff von höchst unterschiedlichen Störungen. Das wird deutlich am unterschiedlichen Erleben und wird vermittelt von verschiedenen Sprachbildern.

Eine Psychose ist für mich (wie)...

  • „das Untertauchen in eine andere Welt und Wirklichkeit, sehr ähnlich der Welt der Träume, Märchen und Mythen und Grenzsituationen - mit allen Schönheiten und Schrecknissen, die mich sehr angehen und zu denen ich keine Distanz habe.“
  • „ein Fantasieraum assoziativer Verknüpfungen mit unrichtigen Schlussfolgerungen. Randständiges bekommt mehr Bedeutung. Sprache in Metaphern, starke Ambivalenzgefühle. Keine Unterscheidung zwischen Fantasie und Realität.“
  • „Versinken in chaotischen und intensiven Farben und Bewegungen: Psychose ist Treiben auf stürmischer See ohne Kompass und mit unverständlichen Lauten aus dem Funkgerät.“
  • „ein Aufbruch innerer Impulse. Sich getrieben fühlen. Ich habe dann ein viel stärkeres Selbstbewusstsein, ein erhöhtes Lebensgefühl. Ich habe dann immer viel geschrieben. Ich spürte einen engeren Zusammenhang zum Ganzen als im normalen Zustand. Jetzt versuche ich, die inneren Impulse zu erhalten. Vielleicht habe ich das vernachlässigt.
  • „ein Abschneiden von der Umwelt. Ich habe dann niemandem mehr getraut. Nehme Gerüche und Geräusche gesteigert wahr. Steigere mich in Angst. Manchmal viele Tage und Nächte. Irgendwann wird es weniger; wahrscheinlich kann man irgendwann nicht noch mehr Angst haben.“
  • „nicht mehr mit Wahrnehmungen fertig werden, überflutet werden – auch von früheren Eindrücken. Zugleich hat mir die Psychose auch weitergeholfen, ich lebe dann sehr schnell und auf hohem Energieniveau, will sehr schnell etwas tun und überschlage mich.“
  • „ein Ausflug der Gedanken in eine andere Realität: Das Wissen oder Nichtwissen um diesen Ausflug, das Spüren einer ungewollten Veränderung können erschreckend sein, aber auch voller Farben und Formen, die bisher unbekannt waren.“
  • „in der Psychose fühle ich mich wie ein Mobile, das sich im Wind bewegt. Schon kleine Eindrücke irgendwo an der Peripherie führen zu großen Erschütterungen des gesamten Menschen, und Zustände relativer Ruhe sind selten.“
  • „ein Schwall, der aus mir herauskommt, und ich habe den Eindruck, einen Großteil meines Lebens zu verstehen.“

(Quelle: T. Bock, StimmenReich 2007, Psychatrieverlag)

Pias Geschichte

Ein kleiner Junge, brav und unauffällig, hängt am Rockzipfel der großen Schwester. Die Eltern haben wenig Zeit. Die Schwester wird psychotisch, kommt in eine psychiatrische Klinik. Der kleine Junge bekommt hautnah mit, was dort passiert, hat große Angst um die Schwester, aber auch um sich selbst. Er rettet sich auf die Seite der Ordnung, ringt um Distanz zur Schwester, will nicht so werden wie sie. Er geht unauffällig durch Schule und Pubertät, verpflichtet sich auf lange Zeit bei der Bundeswehr, wird Kompanieführer, macht eine Spezialausbildung, heiratet früh, wird bald Vater. Doch die Ordnung lässt sich nicht halten.

Nach Ablauf der Verpflichtung kann er trotz Qualifikation nicht auf Dauer übernommen werden. Trotz erheblicher Anstrengungen fällt es ihm schwer, auf Dauer in einem anderen Beruf Fuß zu fassen. Noch mehr verunsichert ihn, dass seine Tochter erwachsen wird, sich ihm entfremdet. Er kann sich diese Entwicklung nicht anders als wahnhaft erklären, glaubt, dass sie durch Drogen manipuliert wird, bis er schließlich überall weiße Päckchen sieht und Tochter wie Ehefrau in die Flucht schlägt. Er hat Schulden, verliert seine Wohnung. Ihm bleibt nur ein Kaninchen. Als es krank wird, zieht er mit ihm in den Wald von Ludwigslust, von dem er glaubt, dass ihn die Mafia noch nicht erreicht hat. Dort lebt er über Monate, ohne eine Menschenseele zu sehen, ernährt sich nur von den Früchten des Waldes.

Seither lebt Herr K. – manchmal nennt er sich auch „Pias”  – fast sieben Jahre auf der Straße, hat Depots in den Wäldern rund um Hamburg. Sein Credo: “Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das von sich aus nicht in der Lage ist, artgerecht zu leben.” Er versucht es dennoch, lebt naturverbunden, ohne Alkohol und Zigaretten. Im permanenten Überlebenskampf profitiert er von seiner Ausbildung bei der Bundeswehr. Besondere psychische Ängste erlauben ihm nicht, sich lange in geschlossenen Räumen aufzuhalten, legen ihm auch sonst viele Einschränkungen auf. In die Ambulanz, in der ich arbeite, kommt er dennoch nicht, um etwas zu verändern oder gar sich behandeln zu lassen, sondern nur, um sich zu wärmen, mal unter Menschen zu sein, auch um zu essen und Kaffee zu trinken.

Vor etwa zwei Jahren wird dieser sehr zurückgezogen lebende harmlose Mann kurz vor Weihnachten Opfer eines Überfalls. Ein Ordnungsfanatiker aus besserer Wohngegend schlägt und tritt ihn zusammen, hetzt seinen Hund auf ihn. Mit schwerer Beinverletzung will sich Herr K. zu einem seiner Depots schleppen, bricht aber vorher zusammen. Die eiskalte Nacht überlebt er nur wegen seiner besonderen Konstitution und der vielfach geschichteten Kleidung. Am nächsten Morgen wird er gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Dort hält er es zum ersten Mal seit langem aus, in einem geschlossenen Raum zu sein und in einem gewöhnlichen Bett zu liegen. Leider nur für wenige Tage: Wegen des bevorstehenden Sylvesterabends müssen chirurgische Betten frei sein für Brandverletzte. Herr K. kommt in die Psychiatrie – zum ersten Mal in seinem Leben. Doch dort sind Überwachungskameras installiert, um Akutpatienten beobachten zu können, ohne bei ihnen zu sein. Außerdem kommt ihm eine etwas distanzlose Mitpatientin zu nahe. Er flieht, ist völlig außer sich. Ich kann ihn auch in der Ambulanz nicht halten, erfahre noch, dass “der Strom durch ihn durchgehe”. Herr K. meint nicht (nur) die elektronische Überwachung, sondern – was ich erst jetzt erfahre – die Elektroschocks der Schwester.

Erst Wochen später sehe ich ihn wieder. Sein Bein ist zum Glück auch so verheilt. Viel später erst traue ich mich, ihn zu fragen, ob er einverstanden ist, dass die Hauptperson einer Jugendgeschichte nach seinem Vorbild gestaltet wird. Er ist erstaunlich schnell einverstanden, scheint zu ahnen, dass seine Geschichte gerade Jugendlichen viel zu sagen hat und dass es darauf ankommt, Vorurteilen rechtzeitig zu begegnen.

Aus der gemeinsamen Arbeit entsteht das Jugendbuch „Pias lebt... gefährlich“ (balance – buch- und medienverlag). Gerd Kemmen wird Referent bei „Irre menschlich“, Hamburg

Übrig bleibt die Frage, ob die Psychiatrie, der Herr K. begegnet, seinem Kriterium des “artgerechten Lebens” gerecht wird, ob sie menschenwürdig ist. Außerdem wird deutlich, dass alles Bemühen um Behandlung – ob nun biologisch oder sozialpsychiatrisch motiviert – in Rechnung stellen muss, dass gerade Menschen mit Psychoseerfahrung eigensinnig ihren Weg gehen und dass gerade dieser Eigensinn eine sinnvolle Bewältigungsstrategie gegenüber dem (psychotischen) Gefühl der Fremdbestimmung sein kann. Übertragen heißt das dann auch, dass alle Überlegungen zu neuen Behandlungsmethoden nur Annäherungsversuche sein können. Wir müssen gleichzeitig Eigensinn und individuelle Bewältigungsstrategien anerkennen und unterstützen, wir müssen ihnen sozialen und kulturellen Raum lassen, ja diesen Raum u. U. erst einmal schaffen, indem wir den gängigen Vorurteilen entgegentreten.

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