Bedeutung des Trialogs

Das familiäre Hilfssystem

Autorin: A. Urban, Mutter einer an Psychose erkrankten Tochter

Das Verhältnis zwischen Angehörigen und der Psychiatrie, insbesondere der klinischen Psychiatrie, ist häufig belastet durch Spannungen und gegenseitiges Unverständnis. Angehörige berichten – und wir haben es selbst erlebt – dass sie unfreundlich behandelt werden, dass ihnen ein Gespräch mit unterschiedlichen Begründungen verweigert wird, dass sie das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden, dass man ihnen nicht glaubt. Angehörige haben vielfach den Eindruck, dass die Kliniken sich vorwiegend auf die Bekämpfung psychopathologischer Symptome konzentrieren und dem Alltagsleben der Patienten nach der Klinikentlassung nicht die gebührende Aufmerksamkeit widmen, dass den Kliniken die Bedeutung des familiären Hilfssystems nicht ausreichend bewusst ist. Die stationäre Behandlung umfasst in der Regel nur einen äußerst kleinen Zeitraum in einer sehr langen Krankheitsgeschichte. Die sinkende Verweildauer in den Kliniken führt dazu, dass die stationäre Behandlung zunehmend den Charakter einer Krisenintervention annimmt. Wesentliche Entscheidungen und Entwicklungen finden im ambulanten Bereich, in der häuslichen Umgebung, in der Familie oder unter Beteiligung der Familie statt.

Eine gute ärztliche und psychotherapeutische Behandlung in der Klinik ist sicher ein wichtiger, den weiteren Verlauf maßgeblich bestimmender Faktor.

Für den langfristigen Heilverlauf sind aber weitere Faktoren bedeutsam, z. B.

  • die sozialen und materiellen Rahmenbedingungen,
  • die Fähigkeit zur Aktivierung vorhandener eigener Ressourcen,
  • die Möglichkeit zu sinnvoller Betätigung,
  • gesicherte finanzielle Verhältnisse,
  • angemessener, den persönlichen Bedürfnissen entsprechender Wohnraum,
  • ganz besonders der Erhalt oder der Wiederaufbau des familiären Hilfssystems

Aus den Erfahrungen, die wir in einem Zeitraum von 16 Jahren mit unserer Tochter machen konnten, wissen wir, wie unendlich bedeutsam die Familie für Menschen wie sie sein kann. Immer dann, wenn Maßnahmen beantragt oderneue Wege beschritten wurden oder eine Krise das Erreichte zurückdrängte, wurde dies besonders deutlich. „Ohne meine Familie hätte ich es nicht bis hierher geschafft!", ist ein Satz von ihr.

Angehörige sind die Träger des größten Hilfssystems, nämlich des familiären Hilfssystems. Es ist Aufgabe der Therapie, den Erkrankten dieses familiäre Hilfssystem möglichst zu erhalten. Es kann und darf nicht vorrangiges Ziel therapeutischer Bemühungen sein, die Erkrankten von ihren Familien zu entfremden, mit der Begründung, sie müssten selbstständig werden. Leider erleben wir ein solches Verhalten gerade bei erkrankten jungen Erwachsenen immer wieder. Als Ergebnis sehen wir oft eine Abhängigkeit vom gesetzlichen Betreuer und vom Mitarbeiter des ambulanten Dienstes.

 Angehörige als Experten

  • Sie haben Kenntnis von Vorgeschichte und Verlauf der Erkrankung.
  • Viele psychisch kranke Menschen leben in ihren Familien.
  • Ehepartner leben mit erkrankten Ehepartnern.
  • Erwachsene psychisch kranke Kinder leben bei ihren Eltern
  • Geschwister wachsen mit psychisch kranken Brüdern oder Schwestern auf.
  • Kinder wachsen bei psychisch kranken Eltern auf

Angehörige entwickeln sich im Verlauf der Erkrankung ihres Familienmitglieds zu Experten. Angehörige kennen oft über Jahre und Jahrzehnte den Krankheitsverlauf aus großer Nähe. Angehörige kennen nicht nur den Verlauf der Erkrankung, sie kennen häufig sehr genau persönliche Probleme, Verhaltens- und Reaktionsweisen der Betroffenen, sie verfügen oft über Kenntnisse über frühere Therapien, deren Wirkungen und Nebenwirkungen, sie können über diese Dinge häufig sehr viel exaktere Auskünfte geben als die Betroffenen selbst. Es ist unverzeihlich, wenn Therapeuten glauben, auf diese Informationen verzichten zu können, oder wenn sie diese Informationen als unglaubwürdig oder irrelevant abtun.

Kenntnis der Gesamtsituation

Patienten sind oft nicht in der Lage, ausreichende Angaben zur Vorgeschichte und zu ihrer Gesamtsituation zu machen bzw. schätzen die Situation unrealistisch ein. Informationen über z. B. drohenden Wohnungsverlust, Schulden, Arbeitsplatzprobleme u. a. sind häufig nur durch die Familie, Freunde, Nachbarn oder Bekannte zu erhalten. Über diese Informationen verfügen Therapeuten also nur, wenn sie mit den Angehörigen sprechen.

Angehörige als Ressource

Es ist unbestritten, dass im Laufe einer psychischen Erkrankung erhebliche Spannungen in den Familien auftreten können. Die Gründe sind vielfältig und hinreichend bekannt. Dennoch bietet die eigene Familie für viele Erkrankte auch dann noch Unterstützung, wenn Hilfen der professionellen Systeme versagen oder nicht angenommen werden.

Kontakte zur Alltagswelt

In der öffentlichen Diskussion ist seit geraumer Zeit der Begriff der „Ghettoisierung" psychisch kranker Menschen zu hören. Psychisch kranke Menschen sind vielfach nicht in die Gemeinde integriert, sondern bestenfalls in die Psychiatriegemeinde. Angehörige sind häufig die letzten verbliebenen Brücken zur Alltagswelt. Dieser Kontakt ist ein hohes Gut, das geschützt und gestärkt werden muss. Kaum ein Mensch ist gern und freiwillig ohne Familie. Was berechtigt zu der Vermutung, bei einem psychischen kranken Menschen könnte es anders sein?

Warum werden Angehörige ausgegrenzt?

In der wissenschaftlichen Diskussion ist allerorten zu hören, eine frühzeitige Einbeziehung der Familie in den Behandlungsprozess sei unerlässlich. Gelegentlich heißt es sogar, es sei schon fast ein Kunstfehler, dies nicht zu tun.

Das Folgende ist ein Zitat aus den Handlungsempfehlungen und Strategien zur Weiterentwicklung des psychiatrischen Versorgungssystems, veröffentlicht im GMK (Gesundheitsministerkonferenz der Bundesländer)-Bericht 2007:

„Bei den Strategien im Umgang mit psychischen Erkrankungen zählt neben einer qualitätsgesicherten und angemessenen Behandlung und Betreuung der Erhalt des sozialen Umfelds und die Wiedereingliederung in normale Lebensverhältnisse zu den wichtigsten Zielen. Es ist deshalb zu begrüßen, dass die Einbeziehung von Angehörigen, Psychiatrieerfahrenen und der Selbsthilfe – wenn auch bisher noch in unterschiedlicher Intensität – allmählich zum Standard wird."

Dies verdeutlicht den besonderen Stellenwert, den Angehörige, die Selbsthilfe, aber auch die Psychiatrieerfahrenen selbst für die Ausgestaltung des Hilfssystems haben.
 
Diese Forderung nach Einbeziehung der Angehörigen ist bekanntlich keinesfalls überall realisiert. Die alltägliche Erfahrung lehrt, dass die Ausgrenzung von Angehörigen eher die Regel ist – nicht immer, aber immer noch zu oft.
 
 
 

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