Bedeutung des Trialogs

Angehörige brauchen Unterstützung

Autor: Dr. H.J. Meyer, Vater eines psychisch erkrankten Sohnes

Vielfach wurden die Zusammenhänge zwischen der Art der innerfamiliären Kommunikation und dem Auftreten erneuter Psychosen wissenschaftlich untersucht. Man fand statistische Zusammenhänge zwischen einem angespannten Familienklima („high expressed emotion" oder HEE) und vermehrten Krankheitsrückfällen. Oft wurde hieraus eine Schuldzuweisung an die Familien abgeleitet. Es wurde behauptet, die Familie sei durch feindseliges Verhalten oder durch Überbehütung schuld am Krankheitsrückfall. Aus diesen Überlegungen heraus ermunterte man die Betroffenen, sich von der „krankmachenden Familie“ zu trennen und selbstständig zu werden. Der Familie selbst wurde vielfach mit unverhohlener Ablehnung begegnet.

Mittlerweile weiß man, dass diese einseitige Interpretation nicht richtig ist. Ein angespanntes häusliches Klima ist keinesfalls allein den Angehörigen anzulasten. Die Gründe für ein angespanntes Klima sind in der Regel in Wechselbeziehungen zwischen dem Verhalten der Erkrankten und den Reaktionen der Angehörigen zu suchen. Dennoch haben Angehörige oft das Gefühl, dass die überholten Denkmuster von der „krankmachenden Familie“ in den Köpfen vieler Therapeuten noch vorhanden sind.

Es ist völlig natürlich, dass die schwere Erkrankung eines Familienmitgliedes nicht ohne Auswirkungen auf die übrigen Familienmitglieder bleiben kann. Angehörige müssten völlig gefühllos sein, wenn sich nicht bei ihnen zeitweise Nervosität, Verzweiflung, Erschöpfung, Mutlosigkeit, Unsicherheit und vielleicht manchmal auch Ungerechtigkeit zeigen würden. Es stellt die Dinge geradezu auf den Kopf, wenn den Angehörigen diese natürlichen und normalen menschlichen Empfindungen von Therapeuten als schuldhaftes Verhalten vorgeworfen werden. Wenn Familien beschuldigt und innerfamiliäre Spannungen einseitig den Angehörigen angelastet werden, zerbrechen Ehen, werden Eltern-Kind-Beziehungen zerstört, geschwisterliche Bande schwerstbelastet. Als Folge wird die zukünftige familiäre Fürsorge zerstört, die Isolierung und Vereinsamung der Erkrankten gefördert. Es sei daran erinnert, dass das familiäre Hilfssystem noch immer eines der größten, wenn nicht das stärkste soziale Hilfssystem für psychisch erkrankte Menschen ist.

Natürlich wird kein Angehöriger bestreiten, dass eine ruhige und entspannte häusliche Atmosphäre für alle Beteiligten vorteilhaft ist.

Als Angehöriger sehe ich eine Verpflichtung von Therapeuten, im Interesse ihrer Patienten auf ein häusliches Klima hinzuarbeiten, das von weniger emotionaler Anspannung geprägt ist. Es ist die Pflicht von Therapeuten, darauf hinzuwirken, dass den Erkrankten das familiäre Hilfssystem möglichst erhalten bleibt. Angehörige sollten dies von Therapeuten einfordern! Ohne vertrauensvolle trialogische Zusammenarbeit ist dieses Ziel nicht zu erreichen!

Angehörige sind nicht krank, sondern in Not. Sie erwarten Unterstützung. Sie erwarten Hilfe beim förderlichen Umgang mit dem erkrankten Familienmitglied, sie erwarten Unterstützung und Hilfe im Interesse des Kranken. Sie erwarten Unterstützung bei ihrem Bemühen, möglicherweise belastete innerfamiliäre Beziehungen wieder zu normalisieren, sie erwarten Unterstützung und Anerkennung für sich selbst, sie erwarten vertrauensvolle Gespräche mit den Therapeuten, sie erwarten Respekt.

Wünsche von Angehörigen

  • Angehörige erwarten, dass man sie in ernst nimmt.
  • Angehörige erwarten Respekt und Anerkennung für das, was sie leisten und erleiden.
  • Angehörige erwarten Informationen über die Erkrankung: Was kann man tun? Wie geht es weiter? Wer hilft weiter?
  • Angehörige erwarten Unterstützung in einer für die gesamte Familie schwierigen Situation.
  • Angehörige erwarten ein gemeinsames Bemühen im Interesse des Patienten.

Meine Bitte an Therapeuten: Sehen Sie Angehörige nicht als Feinde oder Störenfriede, auch nicht als Ko-Patienten, die mitbehandelt werden müssen. Bedenken Sie, dass Angehörige in der Regel um das Wohlergehen ihrer erkrankten Familienmitglieder bemüht sind, suchen Sie im Interesse Ihrer Patienten die Zusammenarbeit mit den Angehörigen. Dies mag zwar zunächst zusätzliche Arbeit für Sie bedeuten, ich bin aber fest überzeugt, dass sich diese Mühe langfristig auch für Sie auszahlt – durch besseres Arbeitsklima, durch weniger Beschwerden von Angehörigen und vielleicht auch durch bessere Ergebnisse Ihrer therapeutischen Arbeit.

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