Bedeutung des Trialogs

Die Bedeutung der subjektiven Sicht

Autor: G., psychoseerfahren

Ich möchte mich zunächst kurz vorstellen und einige grundlegende Informationen geben, um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen. Ich bin Experte aus eigener Erfahrung und an der Website „www.Psychose.de” beteiligt. Aufgrund einer Fortbildung „Experienced Involvement“ habe ich die Möglichkeit , meine (subjektive) Sicht von Psychose darzustellen und aktiv in der psychosozialen Versorgung anderer Betroffener mitzuwirken.

Die Betroffenensicht ist eine ganz persönliche, die aber oft erstaunlich viele Gemeinsamkeiten mit anderen Sichtweisen aufweist. Oft beschäftigt sie sich mit Missständen, Widersprüchen und mit zum Teil subjektiv empfundenen Ungerechtigkeiten. Das eigene Selbstverständnis muss nicht automatisch im Widerspruch zu den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen bzw. zu den zurzeit bevorzugten Behandlungsrichtlinien stehen. Vielmehr müssen diese mehr Respekt für die subjektive Sicht entwickeln, da wir mit Recht fordern in erster Linie den Menschen und nicht die krankhafte Ausprägung zu sehen.

Mein Anliegen ist, meine Erfahrung zu teilen, um eine erweiterte Sicht zu ermöglichen und eine adäquate Behandlung von Psychoseerkrankten zu fördern und in mancher Hinsicht auch zu fordern. Unser Experten Berater-Team für Psychose.de setzt sich aus mehreren Erfahrenen zusammen, die sich durch eigenes Erleben mit Psychosen oder Bipolaren Erkrankungen gut auskennen und dazu ihre Sicht der Dinge bzw. ihre Erfahrungen vermitteln können. Dies findet statt, indem wir ergänzende oder manchmal sogar ganz andere Meinungen (Ansichten) vertreten, die sich aus unserer Sicht ergeben – n ämlich aus der Sicht des Betroffenen. Die Betroffenensicht ist immer mindestens eine Sicht, die als individuell beschaffene Situation mit sich selbst und natürlich auch immer – zumindest in Anteilen – mit seinem Umfeld verstanden sein sollte.

Was von Betroffenen oft berichtet wird

„Ich wurde ausschließlich nach Symptomen, genetischen Dispositionen, biochemischen Hirnstoffwechsel-Störungen, sozialen oder gar kulturellen oder anderen wissenschaftlichen Parametern beurteilt! Obwohl ich es mir sehr gewünscht habe, gelang es mir nicht, Gehör für meine persönlichen Inhalte und Wirren zu finden, die mich in meinem akut psychotisches Erleben sehr beschäftigt haben. Da ich diese Inhalte aber nicht selbst bewältigen konnte, entstand ein Zustand des Leidens.”

Natürlich empfinden viele Menschen mit Psychoseerfahrung, dass es wichtig für sie ist, erst einmal auf dieser Ebene, nämlich der Inhalte des psychotischen Erlebens, Hilfe zubekommen. Denn dort verbirgt sich das ganz subjektive Dilemma und der Ansatz zu einem Verständnis der individuellen Situation, die die Psychose begünstigt hat.

Daher fordern bzw. fördern wir als Experten aus eigener Erfahrung immer wieder eine kritische Haltung, da in der psychosozialen Versorgung gelten sollte:

  • Der Betroffene soll gehört werden (gleichgültig in welchen Zustand bzw. an welchem Punkt seines Erlebens er sich befindet), damit ein individuelles Verständnis für den Betroffenen entwickelt und so ein geeigneter Zugang zu einem Genesungsweg gefunden wird.
  • Der Betroffene soll dazu aufzufordert bzw. darin gefördert werden, sich aktiv an seinem Heilungsprozess zu beteiligen und diesen mitzubestimmen; denn der eigene Wille zur Veränderung ist oft der entscheidende Motor.
  • Die Beteiligten sollen sich darüber aussprechen, wo persönliche Vorlieben in Bezug auf die Therapieangebote des Betroffenen liegen und er sollte aktiv darin unterstützt werden, seinen gewählten Weg zumindest auszuprobieren. Stellt sich dieser als ungeeignet heraus, kann sich der Betroffene neu orientieren.

Es geht also vor allem darum, den Betroffenen als einen mündigen Hilfsbedürftigen zu behandeln, eine aktive Zusammenarbeit bei der Suche nach einem Genesungsweg zu fördern und notfalls auch den richtigen Moment für den Wegbeginn begleitend abzuwarten. Viele Betroffene berichten jedoch, dass sie aufgefordert sind, die vorgeschlagene Behandlungen ohne Fragen und Antworten anzunehmen – ohne Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse oder Einwände.

Dass allein der eigene Wille zur Genesung führt, mag im Idealfall möglich sein. Zu beachten ist, dass es aus der Perspektive eines Menschen mit aktiver Psychose manchmal schwierig nachzuvollziehen ist, dass eine Krankheit vorliegt. Oft liegt (aus subjektiver Sicht) die Ursache des Leids ausschließlich außen und das Gefühl von ungerechter Behandlung richtet sich nur gegen andere. In der aktiven Psychose haben Menschen oft eine Ich­Bezogenheit wie ein Kind, was durchaus als Selbstschutzfaktor gesehen werden darf. Das Gehirn greift in der Krise auf eine frühere Wahrnehmungsform zurück. Das kann jedem passieren. Doch leider wird dieser Reaktionsweise bei Erwachsenen mit wenig Verständnis und Akzeptanz begegnet.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass in der Öffentlichkeit in Bezug auf psychische Krisen von anderen Unwissenheit und Vorurteile vorherrschen, die durch ungenaue Inormationen durch die Medien noch bestärkt werden. Vergessen wir nicht, dass die eigentlichen Ursachen die zu diesen Erkrankungen führen noch nicht hinreichend geklärt sind.

Freundlichkeit und Geduld

Alle Menschen tragen ein Stück Mitverantwortung für das Wohl ihrer Mitmenschen, aber eben nur ein Stück. Eigentlich sollte unser ethisch-moralisches Wertesystem Basis unseres Handelns sein, sollte Freundlichkeit selbstverständlich sein. Aber in der heutigen Gesellschaft wird Freundlichkeit von anderen Faktoren abhängig gemacht, vor allem von dem Blick auf den eigenen Vorteil. Wer ist schon von sich aus freundlich zu einem Fremden, der sichtlich wirr, fahrig, latent misstrauisch oder vielleicht sogar wütend ist? Gerade diese, so dringend benötigte Freundlichkeit ist in Krisenzeiten oft spärlich gesät – und das ist vielleicht sogar ein Hauptgrund, weshalb dieser Zustand als extrem leidvoll empfunden wird.

Eine Psychose ist oft mit einer Realitätsverschiebung, einer veränderten Wahrnehmung verknüpft. Erfahrene und Therapeuten erleben die Welt unterschiedlich. Während der eine in sich gekehrt, also Ich-bezogen ist, steht der andere (mehr oder weniger) stabil mitten im Leben. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist es für Außenstehende sicher gut zu verstehen, warum es manchmal viel Kraft und Zeit kosten kann, hier eine Einsicht zu vermitteln, die den aktiven Willen zur Veränderung bzw. zur Genesung bei dem Betroffenen zur Folge hat. Diese vielleicht mühsamen Klärungsprozess durch eine „'Hierachie“ zu ersetzen, die sagt was richtig oder falsch ist, kann zu keinem nachhaltigen und zufrieden stellendem Ergebnis führen.

Daher appelliere ich an alle Profis, an alle Angehörigen und vor allem an alle Betroffenen: Habt Geduld mit eurem Gegenüber und vor allem mit euch selbst und versucht, Verständnis für die Lage des anderen aufzubringen. Nur so werden sich eure Hände finden – die des Helfenden und die des Hilfsbedürftigen. Hört einander aufmerksam zu, denn auch in jeder noch so kleinen Äußerung steckt mindestens ein Hauch von Wahrheit!

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