Wichtiges für Angehörige

Anhaltspunkte für Angehörige von Psychoseerfahrenen

(1) Auf sich selbst achten (Orientierung)
Wenn eine Psychose mit einer Verunsicherung des inneren Selbst, vielleicht auch mit dem Verlust der eigenen Grenzen einhergeht, dann macht es keinen Sinn, wenn Mitmenschen „selbstlos” sind und handeln. Es ist zwar wichtig, Rücksicht zu nehmen und die Erkrankten immer wieder so selbstverständlich wie möglich ins Familienleben einzubeziehen. Wenn Angehörige sich aber „aufopfern” und die eigenen Interessen und Gewohnheiten vernachlässigen, wird die Orientierung für alle schwieriger.

(2) Gleichzeitigkeit beachten (Entwicklung)
Wenn eine Psychose auch so etwas ist wie ein Rückgriff auf frühere Entwicklungsstufen ist, die aktuell (scheinbar) mehr Sicherheit bieten, dann wird so möglicherweise ein tieferer seelischer Konflikt vorübergehend unterlaufen, zugleich aber auch verschärft. Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Entwicklungsstufen fordert vor allem vonAngehörigen eine schwierige Gratwanderung, einerseits Verständnis für kindliche oder pubertäre Bedürfnisse zu zeigen, andererseits die reale Person und ihren altersgemäßen Entwicklungsstand zu respektieren.

(3) Chancen sehen (Rätsel)
Wenn Psychosen Rätsel aufgeben, dann steckt darin auch für Angehörige die Chance, mehr über sich selbst, die Wahrnehmungen des anderen und die Bedingungen des Zusammenlebens zu erfahren. Das kann schmerzhaft und befreiend sein. Die psychotische Kommunikation ist vielleicht der einzige Ausweg. Alle sind gefordert, ihre Wahrnehmung zu vervollständigen und mehr von sich selbst preiszugeben. Jeweils eigene Fragen und Antworten zu finden, ist nicht leicht. Wechselwirkungen zu erkennen, ohne Schuld zuzuweisen, ist eine hohe Kunst, die oft erst mit zeitlichem Abstand gelingen kann und manchmal auch therapeutischer Hilfe bedarf.

(4) Standhaft sein (Existenzsicherung)
Wenn eine Psychose zum Verlust der eigenen Grenzen führt, kann das große Gefahr bedeuten. Eher für den Betreffenden selbst, seltener auch für andere. Dann ist Widerstandskraft gefordert. An die Grenzen anderer zu stoßen, kann der letzte Anhaltspunkt sein. Die Sicherung der eigenen Existenz kann vom Handeln anderer abhängen.

(5) Dabei sein (Geduld und Gelassenheit)
Wenn Psychosen mit panischen Ängsten verbunden sind, dann können sich diese quasi "durch die Poren" auf andere übertragen. Das macht es schwer, Notwendiges zu verwirklichen: zuversichtliche Gelassenheit und Geduld, räumliche Geborgenheit, Ruhe ohne neue angstauslösende Reize, körperliche Nähe ohne Grenzüberschreitung, Anwesenheit ohne Forderung.

(6) Kontakt (Rückzug als Schutz)
Wenn eine Psychose zum Abbruch (fast) aller Kontakte führt, dann kann man das auch als Flucht oderSchutz vor Überforderung durch ein Zuviel an Beziehung(en) verstehen. Das jeweils bekömmliche Maß an Nähe und Distanz kann jeder Mensch nur für sich selbst herausfinden und immer wieder ins Gleichgewicht bringen.

(7) Balance (Nähe und Distanz)
Wenn eine Psychose aus menschlicher Isolation erwächst oder sich darin verstärkt, dann folgt daraus die Notwendigkeit und Schwierigkeit, den Kontakt zu halten oder (wieder) herzustellen. Dazu braucht es oft ein langwieriges Ringen. Angehörige sind in dieser Situation besonders gefordert. Auch scheinbar banale Kontakte können bedeutsam sein, wenn sie „selbstverständlich” sind. Auch seltene Kontakte können Halt geben, wenn sie verlässlich sind. Alltägliche Kontakte zu Nachbarn, zum Postboten oder zu einer Verkäuferin usw. haben den Vorteil, dass sie „ungefährlich” sind.

(8) Kinder nicht vergessen
Bei der Gratwanderung zwischen notwendiger Nähe und gefürchteter Grenzüberschreitung brauchen Angehörige Rückhalt, damit sie den Kontakt zu sich selbst nicht verlieren. Die Psychose sollte freilich nicht zum alle(s) beherrschenden Thema werden. Jedes Familienmitglied hat Anspruch auf Achtung seiner Bedürfnisse. Das gilt besonders auch für (kleine) Kinder. Als Angehörige erleben sie tiefe Verunsicherung und sind auf altersgemäße Hilfen angewiesen, um sich nicht schuldig zu fühlen und nicht Hilfstherapeuten, sondern weiterhin Kinder sein zu dürfen.

(9) Grenzen des Verstehens respektieren
Wenn ein Mensch sich in der Psychose unverständlich macht, so schützt er sich damit auch vor dem Verstandenwerden: Er prüft gewissermaßen das Bemühen der anderen um Verständnis und entflieht gleichzeitig in einen Bereich, in den letztlich niemand folgen kann. Um Verständnis zu ringen, ohne Verstehbarkeit zu fordern, Eigenheit und Schutzbedürfnis zu respektieren, ohne den anderen zu bedrängen, erfordert Gelassenheit und innere Ruhe.

( Quelle: T. Bock, Basiswissen Psychosen, Psychiatrieverlag)

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