Wichtiges für Angehörige

Die Situation der Partner – Ein Beispiel

bildEine Frau mittleren Alters hatte jahrelang durch eigene Doppelbelastung den beruflichen Aufstieg ihres Mannes ermöglicht. Inzwischen war er beruflich gut etabliert und die gemeinsamen Kinder wuchsen heran. Sie wurde depressiv. Er umsorgte sie, verschaffte ihr Ruhe und schmiss den ganzen Laden mit links. Sie wurde manisch. Nun war die Verzweiflung auf seiner Seite. Zum Zeitpunkt eines gemeinsamen Gesprächs hatten sich diese Phasen schon mehrfach wiederholt. Ich hatte das Bild eines Paternoster-Aufzuges: Wenn die eine Kabine hochfährt, geht die andere runter. Und beide begegnen sich nur kurz. Beide hingen am gleichen Seil bzw. beide maßen sich am gleichen Maßstab und konnten sich dennoch nicht mehr wertschätzen. Beide wünschten sich Nähe und rasten aneinander vorbei.

„Das vorgelegte Tempo machte mich schwindelig, das vergebliche Ringen weckte in mir Traurigkeit. Und die scheinbare Absolutheit des Maßstabs „Leistungsfähigkeit” ließ mich ratlos und ohnmächtig werden. Gleichzeitig schoben mir beide Verantwortung zu: Ich sollte doch mal zeigen, was ich „drauf habe”, was ich leisten kann. Doch je mehr ich mich ins Zeug legte, desto sicherer konnte ich sein, dass einer von beiden meine Ideen und Bemühungen zunichte machte. Gewissermaßen hatte sich die manisch-depressive Thematik nun zwischen uns etabliert.

Erst als ich meine Ohnmacht bekannte, konnten wir den absolut gesetzten Maßstab der Leistungsfähigkeit zum Thema machen. Auf dem Umweg über meine eigenen Empfindungen konnte ich dazu beitragen, die gesammelte Traurigkeit und das vergebliche Ringen um Nähe zu reflektieren. Und ich begann zu ahnen, dass therapeutische Arbeit mit manisch-depressiven Menschen eine Gratwanderung in mehrfacher Hinsicht bedeutet – zwischen den Bedürfnissen und Maßstäben der Familienmitglieder und zwischen der Wahrnehmung der eigenen Stimmungen und den abgewehrten der anderen.”


(Quelle: T. Bock, Achterbahn der Gefühle, Balance – Buch und Medien Verlag)

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