Wichtiges für Angehörige

Die Situation der Geschwister

bildGeschwister von Psychose- oder Bipolarerfahrenen kommen in Angehörigengruppen eher selten vor und finden aktuell noch weniger Beachtung als Kinder. In einer Studie konnte gezeigt werden, dass Geschwister subjektiv z. T. ganz erheblich involviert sind, sowohl im Sinne eigener Belastung, als auch im Sinne einer Übernahme bzw. Delegation von Verantwortung. In Familiengesprächen haben Geschwister oft eine wichtige und entlastende Funktion.

Die Beziehung zur kranken Schwester bzw. zum kranken Bruder wird von der überwiegenden Zahl als nah und durch die Erkrankung als noch dichter erlebt. Kennzeichnend sind folgende Gefühle: Sorge, Scham, Überforderung, Bemühen um Normalisierung, besondere Verpflichtung als Vertrauensperson und Verantwortung für die Anbahnung von Behandlung. Die Qualität der Beziehung vor dem Ausbruch der Psychose ist dabei entscheidend für die Kontaktmöglichkeiten in der Krise.

Von der Psychiatrie sind die allermeisten Geschwister deutlich enttäuscht. Die Belastung wird nicht gesehen, die Hilfe versagt und die Geschwister werden als lästige Anhängsel betrachtet. Auch in Angehörigengruppen werden Geschwister nicht wirklich wahrgenommen. Dabei äußern fast alle Angst, selbst verrückt zu werden und Schuldgefühle, weniger im Sinne einer ursächlichen Verantwortung, sondern eher im Sinne einer Überlebensschuld, zu entwickeln. Eigene Erfolge sind peinlich, der Druck, eine perfekte Familie zu repräsentieren, wird übergroß. Die Geschwisterbeziehung ist nur mühsam und oft erst nach entlastender professioneller Hilfe gleichberechtigt zu organisieren. Gleichzeitig sprechen die meisten nicht nur von einer besonderen Belastung, sondern auch von einer Herausforderung, die das eigene Leben positiv geprägt hat.

Erfahrungsbericht einer Schwester

„Euer Bruder und wir müssen etwas mit euch besprechen.“ Mit diesen Worten kamen meine Eltern eines abends, ich war 17, zu mir und meiner 12-jährigen Schwester. Mein Bruder war 19. Und dann sind wir essen gegangen, auf neutralem Boden sollte es sein. Meine Eltern hatten sich getrennt, als ich fünf Jahre alt war, wir drei Kinder wohnten bei unserer Mutter.  An diesem Abend haben sie uns dann erzählt, dass mein Bruder sich selbst in die Psychiatrie hat einweisen lassen, er litt unter Wahnvorstellungen. Im ersten Moment war ich zwar geschockt, aber auch erleichtert, dass mein Bruder sich helfen lassen wollte.

Und dann war es soweit: Er ging in die Psychiatrie. Meine Mutter besuchte ihn jeden Tag, ich bin nur einmal mitgekommen, es war schrecklich. Ich habe meinen Bruder kaum wieder erkannt. Ich wollte danach nicht mehr mitkommen, habe die Sache ziemlich verdrängt. Manchmal hatte ich deswegen ein ziemlich schlechtes Gewissen, ich fand mich egoistisch, weil ich ihn nicht mehr besuchen ging, nur weil es mir damit schlecht ging. Ich wusste inzwischen mehr über diese Krankheit und auch, dass es dafür Medikamente gibt, und damals dachte ich „OK, dies ist jetzt eine schreckliche Phase, aber mein Bruder ist im Krankenhaus, bekommt Medikamente und ihm wird geholfen." Ich habe es mit einem Beinbruch verglichen – nur eben im Gehirn. Und bei einem Beinbruch wird das Bein eingegipst, man muss es schonen und dann vielleicht noch zur Krankengymnastk, aber danach kann man wieder vollständig laufen.

Mit diesen Aussichten, dass alles wieder so wird wie früher, konnte ich das Ganze ganz gut ertragen. Heute weiß ich es besser. Mein Bruder wurde aus der Psychiatrie entlassen und es war nicht wie früher. Er erlitt noch zweimal einen Rückfall. Jetzt ist er mit den Medikamenten ganz gut eingestellt, er arbeitet in einer Werkstatt für psychisch Kranke und ich bin zufrieden mit dem Ergebnis, wenn es ihm gut geht und er sich wohl fühlt. Es wird einfach nicht mehr so wie früher und auch er wird nicht mehr so wie früher. Durch die Medikamente ist mein Bruder ziemlich dick geworden, vielleicht auch durch Langeweile und weil er gerne isst. Sein äußeres Erscheinungsbild ist oftmals ungepflegt und er kann manchmal recht distanzlos sein, mir ist das vor anderen Menschen peinlich. Ein guter Freund hat einmal gesagt, dass einem der eigene Bruder nicht peinlich sein dürfe, seitdem erzähle ich den Leuten oft vorher, dass mein Bruder eine Psychose hatte und deswegen so ist wie er ist, mir fällt es dann leichter mit seinen Eigenarten umzugehen, wenn ich sagen kann, dass er nichts dafür kann, und mir ist es dann nicht mehr ganz so peinlich.

Trotz alledem habe ich oft ein schlechtes Gewissen, dass es mir überhaupt peinlich ist, dass ich meinen Bruder nicht so wie meine Schwester in mein Leben mit einbeziehe, ihn nicht mal mit auf eine Party nehme und andere mich manchmal erstaunt fragen: „Ach, du hast noch einen Bruder, das wusste ich ja gar nicht.“ Nach solchen Vorfällen rufe ich ihn dann an und erkundige mich nach ihm. Dann fühle ich mich besser und mein schlechtes Gewissen ist beruhigt.

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