Wichtiges für Angehörige

Die Situation der Angehörigen

Von der Ausgrenzung zum Trialog

bildLange Zeit wurden Angehörige von der Psychiatrie als störend oder schuldig ausgegrenzt. Über viele Jahrzehnte gab es biologische oder soziale Theorien, die Angehörige auf unterschiedliche Weise diskriminierten: Ob man nun die Schizophrenie als Erbkrankheit oder die Mütter als schizophrenogen betrachtete, beide Arten des Reduktionismus (des Vereinfachens) gingen zu Lasten der Familien. Dann begann die Selbstorganisation der Angehörigen und mündete etwa 1980 in die Gründung einer Interessenvertretung – ein knappes Jahrzehnt nach der Berufsgruppen übergreifenden Organisation der Profis (Gründung der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie 1972) und ein knappes Jahrzehnt vor den Psychiatrieerfahrenen (1989).

Die Angehörigen wollten und wollen verändern – die Psychiatrie, die Situation der Angehörigen, aber auch sich selbst. All das hängt zusammen. Die Psychoseseminare oder Trialogforen helfen dabei, den Austausch der drei Gruppen auf gleicher Ebene zu organisieren: Ihre Begegnung als Experten, ihre wechselseitige Fortbildung, die bessere Wahrnehmung der verschiedenen subjektiven Perspektiven, den Abbau wechselseitiger Vorurteile, bevor dann gemeinsam gegen die öffentlichen Vorurteile angearbeitet werden kann (vgl. www.irremenschlich.de).

Von der Schuldzuweisung zur Problemlösung

Erleichtert wurde diese Anfangszeit durch einen „Freispruch der Familie” (Dörner 2001): Die Schuldzuweisungen an die Angehörigen konnten endlich in Frage gestellt und aufgegeben werden. Die Psychiatrie bekannte ihre Schuld gegenüber den Angehörigen: Schizophrenie wird weder durch die Gene, noch durch bestimmte Kommunikationsstile vererbt. Nach der Erkenntnis, dass emotionale Aufgeregtheit (High expressed emotions) in der Familie und Rückfallhäufigkeit zusammenhängen können, drohte noch einmal eine allzu einseitige Zuordnung: Verursacht nun die Aufregung der Angehörigen den Rückfall oder der (befürchtete) Rückfall die Aufregung? Die Wahrheit ist so schlicht wie unspektakulär: Wenn Menschen nah beieinander wohnen, sich zudem noch nah fühlen, gibt es im psychischen Erleben und bei der seelischen Gesundheit Wechselwirkungen zwischen allen Beteiligten. Und diese können teilweise konstruktiv, aber auch ungünstig sein. Diese Wechselwirkungen sind von besonderer Bedeutung, wenn eines oder mehrere der Familienmitglieder (psychisch) krank, aber auch, wenn alle gesund sind.

Angehörige fordern mehr Unterstützung

Inzwischen ist unbestreitbar, dass Angehörige Unterstützung brauchen, jeweils so wie es der Rolle als Eltern, Kind, Geschwister, Partnerin/Partner oder Freundin/Freund, dem Alter und dem Stand der Beziehung entspricht  – in gemeinsamen oder getrennten Gesprächen, in Angehörigengruppen oder in Psychoseseminaren, in denen mehrere Erfahrene, Angehörige und Profis gemeinsam voneinander lernen. Darüber hinaus müssen begleitende Hilfen den „Sozialraum” entdecken, pflegen und mit einbeziehen. Dies ist notwendig, weil immer mehr Patienten Zeit zu Hause verbringen – außerhalb der Psychiatrie. Damit diese Reform nicht zu Lasten der Angehörigen geht, müssen Hilfen „strukturübergreifend” (unabhängig vom Behandlungsstatus), flexibler und mobiler werden. Wenn nicht nur langfristige, sondern auch akute Hilfen im eigenen Wohnraum möglich werden, können Klinikeinweisungen weitgehend vermieden werden. Die Behandlung von Psychosen und Bipolaren Störungen, ohne die Angehörigen mit einzubeziehen, kommt einem Kunstfehler gleich.

Die Selbsthilfe der Angehörigen

Seit etwa 1980 hat sich in Deutschland die Selbsthilfe der Angehörigen psychisch Kranker entwickelt. Es sind mehrere Organisationsstufen vorhanden:

Angehörigenselbsthilfegruppen: Reine Selbsthilfegruppen bestehen ausschließlich aus Angehörigen ohne professionelle Unterstützung. Außerdem gibt es geleitete Gruppen mit professioneller Leitung, die in der Regel an Institutionen angebunden sind (Kliniken, sozialpsychiatrische Dienste u. a.). Angehörigengruppen dienen der Entlastung durch Gespräche mit Menschen in gleicher Lebenslage, der Information über medizinische und soziale Fragen sowie dem Erfahrungsaustausch. Adressen von Angehörigengruppen sind über die Landesverbände der Angehörigen, Selbsthilfekontaktstellen, Kliniken und sonstige Einrichtungen erhältlich.

Landesverbände der Angehörigen: In jedem Bundesland gibt es einen Landesverband der Angehörigen. Die Landesverbände bieten Beratungsgespräche, organisieren Fortbildungen für Angehörige und vermitteln in Angehörigengruppen. Darüber hinaus leisten sie „Lobbyarbeit” für psychisch kranke Menschen und ihre Familien auf Landesebene durch Mitarbeit in Gremien der psychosozialen Versorgung, durch Behördenkontakte und Pressearbeit. Das Tätigkeitsspektrum der einzelnen Landesverbände ist breit gefächert und wird von den Gegebenheiten der jeweiligen Bundesländer individuell geprägt. Die Anschriften der Landesverbände finden sich z. B. auf der Homepage des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker. Für eine erfolgreiche Arbeit sind die Landesverbände auf die Unterstützung ihrer Mitglieder angewiesen.

Bundesverband der Angehörigen: Dieser besteht seit 1985. Die Mitglieder des Bundesverbandes sind die Landesverbände. Der Bundesverband vertritt die Interessen der Familien auf Bundesebene unter dem Motto: Familien – Selbsthilfe – Psychiatrie. Er arbeitet mit in verschiedenen Gremien des Gesundheits- und Sozialministeriums und hält Kontakt zu den politischen Parteien.

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